Interview – Raum für Inklusion in Schulen

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Man darf nicht davon ausgehen, dass „der typische Behinderte“ im Rollstuhl sitzt und dass die räumliche Anpassung lediglich eine neue Rampe und ein Behinderten-WC bedeutet. Baulich wie pädagogisch muss die Regelschule sich einiges von der ehemaligen Sonderschule abgucken. Elke Maria Alberts von alberts.architekten BDA im Interview zum Thema Inklusion und Schulbau.

Redaktion Schulbau Magazin: Frau Alberts, das Wort Inklusion erobert allmählich unsere Kommunikation – was ist eine inklusive Schule?

Elke Maria Alberts: Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten ein weltweit einzigartiges Sonderschulsystem geleistet, Kinder mit Behinderungen wurden aus dem Regelschulbetrieb herausgehalten. Eine inklusive Schule ist eine, die Kindern mit Behinderungen vollständige Teilhabe am schulischen Leben ermöglicht. Eine erfolgreiche Schullaufbahn ist ja die Grundlage für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. In eine inklusive Schule gehen Kinder und Jugendliche mit und ohne den Stempel „Behinderung“, hier werden Mädchen und Jungen nach ihren individuellen Bedürfnissen gefördert.

Gebäude den Schülern anpassen

Inklusion ist beschlossene Sache und wird die Förderschule abschaffen. Werden Kinder architektonisch einen Rückschritt erleben?

Elke Maria Alberts: In der Tendenz fällt erst einmal auf, dass Förderschulen oft wesentlich besser ausgestattet sind als Regelschulen, die Gebäude sind den Bedürfnissen der Kinder und ihren Besonderheiten besser angepasst. Die Schulen sind überschaubarer und oft im Gesamteindruck liebevoller. Die Befürchtung, architektonisch könnten Kinder einen Rückschritt erleben, basiert auf der Überlegung, herkömmliche Schulen sind noch nicht an die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderungen angepasst, zum Beispiel fehlen Pflege- und Ruheräume überall.

Man darf auf keinen Fall davon ausgehen, dass der „typische Behinderte“ im Rollstuhl sitzt und dass eine Anpassung lediglich eine neue Rampe und ein Behinderten-WC bedeutet. Ich denke, baulich wie pädagogisch muss die Regelschule sich einiges von der ehemaligen Sonderschule abgucken. Dabei ist man natürlich schnell bei der Frage der Finanzierung, aber ich finde individuelle Förderung und Bildung im Allgemeinen sollte unserer Gesellschaft etwas wert sein. Und der Zusammenhang zwischen Pädagogischer Architektur und Schulleistung ist belegt.

Inklusion als Menschenrecht

Sie haben den Eindruck, einige Schulen wehren sich gegen das Thema Inklusion. Wie gehen Bauherrn, Planer und Pädagogen mit der neuen Situation um, welche Aufgaben müssen sie meistern?  

Elke Maria Alberts: Die Aufgabe Inklusion ist nicht nur baulich und finanziell eine Herausforderung, sondern im Besonderen eine pädagogische. Ich kann gut nachvollziehen, dass Schulleitungen und Lehrkräfte sich überfrachtet fühlen und sie den Eindruck bekommen, sie müssten die Inklusion nun alleine tragen. Wenn ich mit Lehrern spreche, höre ich oft, das die Frage nach dem wie massiv ist, dass unter vorgehaltener Hand die Inklusion in Frage gestellt wird.

Aber auf ein Menschrecht kann man nicht verzichten, nur weil Fragen offen sind. Patentrezepte wird es nicht geben, nur gute Beispiele und individuelle Lösungen. Ich möchte Lehrer ermutigen, weiter an der Sache zu arbeiten und Hilfe einzufordern.

Schulkonzept wird pädagogischer Raum

Welche Anforderungen werden bei der baulichen Umsetzung an Sie als Architektin gestellt?

Elke Maria Alberts: Beim Neubau sind die Anforderungen sehr individuell. Hinzu kommt, dass aufgrund fehlender Erfahrung und einer daraus resultierenden Standardisierung unterschiedliche Menschen durchaus unterschiedliche Überzeugungen haben. Die Bedürfnisse der Lehrer/innen, das Schulkonzept und die Anforderungen an die Pädagogik entwickeln wir gemeinsam und übersetzen diese in gebauten Raum.

Es geht um das Finden eines größten gemeinsamen Nenners. Partizipativ entsteht so das Raumprogramm. Das Besondere ist, dass ich nicht allein mit dem Investor spreche, sondern mit denen, die die Architektur dann später auch nutzen. Nur partizipativ kann ein Gebäude entstehen, das eine hohe Akzeptanz hat.
Bei Bestandsgebäuden sind die Anforderungen an konkrete, pädagogische Aufgaben gebunden. Gebundener Ganztag, Mensa oder im Kindergartenbereich die Erweiterungen für Kinder unter drei Jahren. Neue pädagogische Konzepte haben immer auch gebaute Auswirkungen, die eine Herausforderung sind.

Von der Integration zur Inklusion

Den integrativen Ansatz, den derzeit viele Schulen haben, verstehen Sie lediglich als Zwischenschritt. Wie kann der Sprung hin zum Raum für Inklusion Ihrer Meinung nach gelingen?

Elke Maria Alberts: Ja, Integration war ein notwendiger Schritt, unser Bildungssystem konnte da Erfahrung im Umgang mit Unterschiedlichkeit sammeln. Baulich bedeutete dies, dass man Kinder nicht nach Behinderungsarten sortierte, sondern auch Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen in einem Schulgebäude aufnahm. Die Regelschule musste sich fragen, wie sie den Klassenraum so gestaltet, dass auch das Rollstuhlkind mitmachen kann.

Inklusion geht viel weiter. Sie bedeutet, nicht einfach einzelne Kinder mit Behinderungen etwas mit machen zu lassen, sondern jedes Kind individuell zu betrachten. Eine Behinderung ist dann nämlich nur ein Teilaspekt eines Menschen, genauso seine Herkunft, Interessen, Fähigkeiten. Deswegen darf man nicht Inklusion sagen, wenn man eigentlich noch immer Integration meint.

Wenn man Kinder individuell betrachtet, kann es den einen Standardraum nicht geben. Individuelle Förderung heisst übrigens auch, die Stärken und Schwächen von „Normalen“ zu kennen und darauf einzugehen. Die Unterschiedlichkeit von Kindern sollte sich auch in der Unterschiedlichkeit von Raumangeboten und ihren Größenverhältnissen wiederspiegeln. Man muss sich immer Individuen anschauen und die Gruppen, in denen sie sich bewegen. Einander Kennenlernen und gemeinsam planen ist anstrengender als die Standardlösung – lohnt sich aber für die Nutzer!

Partizipative Planung

Sie gehen unkonventionell an neue Projekte heran. Wie sah das bei der Planung in Bad Oynhausen für die Schule für die Diakonische Stiftung Wittekindshof aus?

Elke Maria Alberts: Unkonventionell für uns bedeutet nicht unbedingt die Art der Architektur. Es betrifft eher die Herangehensweise: Bei unseren Bauaufgaben steht neben den Gesprächen mit dem Bauherren und den Schulträgern das Gespräch mit den Nutzern, den Kindern, Lehrern, Eltern, dem Hausmeister und Co im Mittelpunkt.

Auf dem Gelände der Stiftung Wittekindshof fand der Unterricht lange in irgendwelchen Gebäuden statt, diese waren nie als Schule gedacht. Außerdem stand für den Neubau für 150 Kinder mit Behinderungen nur ein Grundstück am Hang zur Verfügung. Zu Beginn haben wir in der Schule hospitiert, haben eine Art Praktikum gemacht, um den Unterricht, die Kinder und alle Beteiligten besser kennen zu lernen. Außerdem habe ich seit Jahren einen pädagogischen Mitarbeiter, Marc Wübbenhorst. Er arbeitet selber in einer Förderschule und ist Übersetzer zwischen der Welt der Lehrer und der der Architekten. So jemanden gibt es in anderen Büros nicht unbedingt. Wir sind anders, weil wir alle mit einbeziehen.

Verraten Sie uns noch Ihre persönliche Motivation für die soziale Architektur – warum haben Sie sich gerade darauf spezialisiert?

Elke Maria Alberts: Soziale Architektur ist ja das Bauen für Gruppen und Gemeinschaften, welcher Couleur auch immer. Meine Diplomarbeit war die Entwicklung eines Gefängnisses. Hier ging es darum herauszufinden, wie viel Raum braucht ein Mensch und wie sind die Individuen, die in einer solchen extremen Situation leben. Das Projekt zeigte mir, welche soziologischen Überlegungen an Architektur gebunden sind. Außerdem lese ich gerne Krimis, ich habe ein natürliches Interesse an Menschen und wie sie so sind. Mich interessiert, in welchen unterschiedlichen Welten sie leben, lernen und arbeiten.

Quelle: Magazin SCHULBAU 02/2014, Cubus Medien Verlag GmbH