Der Einfluss von Räumen auf ihre Nutzer

Können Räume heilen? Ein Ja in fünf Thesen!

  1. Es gibt Räume, die krank machen – also gibt es auch Räume, die gesund machen.
  2. In der Natur gibt es Wüsten und Bäche; in der Architektur Tiefgaragen und Lofts.
  3. Räume haben Tugenden (nach Botton), darunter solche mit heilender Wirkung.

    Räume

    Individuell eingerichtetes Zimmer eines Pflegeheims. (Entnommen aus „Bauen für ältere Menschen“)

  4. Heilende Räume fördern die Aktivitäten des täglichen Lebens (nach Juchli), wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen, die dem Zweck und der Situation entsprechen.
  5. Heilende Räume entstehen auf der Basis der Wahrnehmung von Wirklichkeit (nach Mies van der Rohe), durch einen Prozess von Partizipation und Wertschätzung – von und für Patienten, Heilpersonal und Besucher.

These 1
Es gibt Räume, die krank machen – also gibt es auch Räume, die gesund machen

Wir sind uns einig, dass es Räume gibt, die krank machen. Daraus folgt, dass es auch Räume geben muss, die gesund machen. Die Beschaffenheit der Materialien, Größe und Zuschnitt des Raumes, Faktoren wie Licht, Farbe, Luft und Schall haben offensichtlich Einfluss auf die Körper und Seelen der Nutzer des Raumes. Sie erzeugen Stimmungen. Das kann Unbehagen, Angst oder Nervosität sein, etwa durch Lärm. Drehen wir diese Faktoren um, etwa die schlechte Raumakustik oder eine bedrohlich wirkende Enge, entstehen Faktoren, die Wohlbefinden erzeugen und die Heilung fördern.

These 2
In der Natur gibt es Wüsten und Bäche; in der Architektur Tiefgaragen und Lofts

Räume Lichteinfall

Tageslichteinfall, Farbe und Materialvielfalt bestimmen die wohnliche Atmosphäre dieses Gemeinschaftsraumes. (Entnommen aus „Bauen für ältere Menschen“)

Es gibt krank machende und heilsame Aufenthaltsorte in der Natur – das ist unstrittig. Der Aufenthalt im Sandsturm einer Wüste ist uns gefährlich, der Aufenthalt an einem lieblich plätschernden, in der Sonne glitzernden Bach ist dagegen bekömmlich. Die Bionik künstlicher Räume besteht darin, dass sie die Qualitäten natürlicher Räume nachahmen. Folglich kann es auch Räume geben, die ähnlich bekömmlich und heilend wirken wie Maienduft und Bachgeplätscher. Solche Orte können uns eine Kraft wiedergeben, die uns fehlt, wenn wir krank sind. Genau das bedeutet Heilen: wieder ganz machen, das verloren Gegangene ergänzen.

These 3
Räume haben Tugenden (nach Botton), darunter solche mit heilender Wirkung

Räume haben bestimmte Tugenden. Das sagt der Philosoph Alain de Botton in seinem viel beachteten Werk über Glück und Architektur. Erstrebenswerte menschliche Eigenschaften wie Geduld, Großzügigkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit oder Höflichkeit können wir auf den Charakter von Räumen übertragen: Ein großzügiger Raum zum Beispiel gibt den Menschen, die sich dort aufhalten, genug Freiraum. Ein geduldiger Raum erträgt es schadlos, wenn sich dort Menschen waschen oder Kinder spielen. Ein höflicher, zurückhaltender Raum ist nicht aufdringlich und zieht sich – auch aus der Erinnerung – zurück, wenn der Patient ihn nicht mehr braucht. Gerade heilende Räume sind solche, die nur temporär genutzt werden. Ein gerechter Raum behandelt alle Menschen, die sich dort aufhalten, als Gleichberechtigte – während Gefängnis-, Kasernen- oder Psychiatrieräume vom Schlage „Einer flog über das Kuckucksnest“ brutale Herrschaftsverhältnisse verkörpern.Bauen für äleter Menschen

„Tugend“ und „Taugen“

Wem das Konzept von tugendhaften Räumen zu anthropomorph, zu menschenähnlich ist, kann sich Bottons Gedanken vielleicht darüber nähern, dass das Wort „Tugend“ mit dem Wort „Taugen“ zusammenhängt. Demnach sind Tugenden Eigenschaften, die Menschen oder Gegenstände für bestimmte Zwecke, zum Beispiel einen Heilungsprozess, tauglich machen. Aus diesem Denksansatz ergibt sich auch, dass Tugenden dieser Art nicht ein für alle mal feststehen, sondern dass wir sie je nach speziellem Zweck, je nach den Ansprüchen, der Umgebung, den Rahmenbedingungen neu bestimmen können.

Schönheit

Eine Tugend, die heilende Räume auszeichnet, ist Schönheit. Heilende Räume sind ein guter Arbeitsplatz, ein liebevoll gestalteter Aufenthaltsort in der Gesamtheit eines Haus-Organismus. Geschmack ist individuell, Moden und Auffassungen ändern sich – dennoch gibt es eine Schönheit, die bleibt. Denn auch das erwähnte paradiesische Bachtal wurde von praktisch allen Menschen zu allen Zeiten als schön empfunden.

These 4
Heilende Räume fördern die Aktivitäten des täglichen Lebens (nach Juchli), wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen, die dem Zweck und der Situation entsprechen

Flur

Lichtdurchfluteter Flur mit Wandbildern erzeugt ein freundliche Ambiente. (Entnommen aus „Bauen für ältere Menschen“)

Diese These ist ein Analogieschluss: Räume helfen uns, unser tägliches Leben zu gestalten. Das erinnert an die „Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL)“ aus der Pflege (nach Virginia Henderson und Liliane Juchli). Diese definieren Lebensbedürfnisse, deren Blockade krank macht bzw. deren Erfüllung den Heilungsprozess fördert. Das Konzept lässt sich auf heilende Räume übertragen. Analog zu den ATL in der Pflege lassen sich Kriterien für Räume finden, die gewährleisten, dass sie Heilungsprozesse fördern und nicht behindern.Dabei sollten wir nicht nur an die Lebensbedürfnisse von Patienten denken, sondern auch an die Bedürfnisse derjenigen, die dort arbeiten, und an die der Besucher. Es ist bekannt, dass Patienten besser heilen, wenn sie regelmäßig Besuch von Angehörigen bekommen. Wie aber sollten Flure, Patientenzimmer und Aufenthaltsräume beschaffen sein, damit Besucher sie in angenehmer und nicht in unangenehmer Erinnerung behalten?

Was macht einen Raum lebensfreundlich?

Heilen ist das Ganzwerden, das Wieder-ganz-Werden. Der genesene, der heile Mensch erlebt sich als vollständig. Auch dazu gibt es eine Raum-Analogie. Was ist das erste, nach dem gefragt wird, wenn ein Raum angenehm und lebensfreundlich sein soll? Er soll hell, luftig, lichtdurchflutet sein, weil das gut tut. Darin spiegeln sich Aktivitäten des täglichen Lebens der Benutzer: atmen, sich bewegen, sich beschäftigen, sich sicher fühlen – dazu brauchen sie unter anderem gutes Licht und gute Luft. Zugleich erscheint ein Raum, dem es an diesen Dingen mangelt, als unvollständig, also gewissermaßen als krank. Die heile Welt ist wohl die, in der wir alles vorfinden, was wir zum Leben brauchen.

Räume Lcihter

Für Menschen, die ausschließlich oder überwiegend immobil sind und deutliche Einschränkungen im Wachheitszustand zeigen, wurden Einrichtungssysteme entwickelt, die veränderbare Lichtstimmungen, Film- oder Fotoprojektionen mit Ton bzw. Musik sowie eine Luftreinigungs- und -erfrischungsvorrichtung beinhalten. (Entnommen aus „Bauen für ältere Menschen“)

Individuelle Situationen brauchen individuelle Räume

Natur-Licht

Darstellung der Abhängigkeit des täglich wiederkehrenden circadianen biologischen Rhythmus von natürlichem Licht. (Entnommen aus „Bauen für ältere Menschen“)

Zwei weitere Tugenden heilender Räume seien hier erwähnt: Sie entsprechen den Erwartungen der Patienten, der Heilkräfte und der Angehörigen. Sie sind intuitiv benutzbar; man muss nicht lange nach wichtigen Ausstattungsmerkmalen suchen. Die Benutzer erleben sich dort als Herren des Verfahrens und nicht als ausgelieferte Opfer. Zweitens: Sie nehmen Rücksicht auf unterschiedliche Situationen ihrer Benutzer. In der Intensivmedizin zum Beispiel können die Überwachungsgeräte den Patienten, die Pflegekräfte und die Angehörigen beruhigen. Sie sehen und hören, dass wichtige Lebensfunktionen in Ordnung sind und alles Mögliche für die Heilung getan wird. Doch in anderen Situationen, etwa in einem Hospiz, wirken die Signale und Geräusche solcher Geräte eher störend, weil sie Aufmerksamkeit von den Menschen im Raum abziehen. In manchen Räumen ist es angemessen, die Psyche der Patienten etwa über Farben direkt zu beeinflussen. In anderen Räumen wirkt das aufdringlich und bevormundend; hier ist eine gewisse Neutralität und Zurückhaltung angebrachter – der schon erwähnte höfliche Raum.

 

These 5
Heilende Räume entstehen auf der Basis der Wahrnehmung von Wirklichkeit (nach Mies van der Rohe), durch einen Prozess von Partizipation und Wertschätzung – von und für Patienten, Heilpersonal und Besucher

These 5 bezieht sich auf die Genese heilender Räume. Wie entstehen sie? Dazu hat der Architekt Ludwig Mies van der Rohe etwas Bemerkenswertes gesagt: „Wirkliche Form setzt wirkliches Leben voraus.“  Als Architekten wollen wir wissen, was tatsächlich und wahr ist; wir wollen die Lebenswelt der Beteiligten erfahren, die Bedürfnisse der Patienten und Mitarbeiter herausfinden. Diese Wirklichkeit liegt nicht in Verordnungen oder Renditeerwartungen; das sind lediglich Rahmenbedingungen, die das „Bauteil“ Raum einhalten muss. Sie zu ermitteln erfordert Kommunikation und Wertschätzung.

Fazit

Wir müssen uns also auf den Weg zu den Menschen und ihrer Wirklichkeit machen, hospitieren, fragen, zuhören, teilnehmend beobachten, uns in Demut und repräsentativer Partizipation üben. Statt ein UFO mit der scheinbar perfekten Form in die Landschaft und in das Leben der Menschen zu stellen.

Autorin: Architektin Elke Maria Alberts
Sie gründete 2007 in Bielefeld-Sennestadt das Büro für Soziale Architektur, alberts.architekten BDA. Partizipativ plant und baut sie unter anderem Sozialimmobilien und ist Spezialistin für die Architektur der Nachkriegsmoderne. Durch ehrenamtliches Engagement und Projekte der Quartiersentwicklung übernimmt sie Verantwortung für die Region. Sie bekam 2012 den Umweltpreis der Stadt Bielefeld und wurde 2014 vom Bundeswirtschaftsminister als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet.

Quelle: Erschienen in der AIT im BDIA Impulse 4/15